Heute wollte ich wieder mal früh raus, denn ich hatte 100 Km vor mir und fürchtete die Fahrrad Rush Hour auf den Fahrradrouten in und um Rotterdam. Was ich zu wenig eingerechnet hatte war die
Kälte. Mit elf Grad, schwitzen und Fahrtwind hat es mich doch tatsächlich gefroren. Aber ich kam gut vorwärts, raus aus der Stadt und schon bald musste ich die «Oude Mass» überqueren. Wobei das
der falsche Ausdruck ist, denn ich musste sie unterqueren. Es führen mehrere Tunnels unter dem Gewässer durch, so auch ein Fahrradtunnel.
Weiter ging’s über Land, vorbei an kleineren Dörfern mit vielen Gewächshäusern aber die Karte und das Navi führten mich zielgenau zur Fähre des zweiten Gewässers welches zu queren war. Ich weiss
nicht ob der «Holland Deep», der an dieser Stelle 2.3 Kilometer breit ist noch als Fluss gilt oder schon ein Zweig der Nordsee ist. Auf jeden Fall fuhr ich um sieben Uhr dreissig Richtung
Anlegestelle der Fähre. Kurz davor war ein Fahrverbot und ein Sackgasse Zeichen. Ist ja klar bei der Fähre hört die Strasse auf, hingegen das Fahrverbot konnte ich mir nicht ganz erklären. Und
schon sah ich einen kräftigen Mann, welcher mit seinem noch viel kräftigeren Rotweiler breitbeinig auf dem Weg stand. Seine Kleidung erinnerte an die eines Wildhüters (Rangers), so nenne ich ihn
von nun an einfach Ranger. Er schaute mich grimmig an und ich dachte «obacht jetzt ist nicht gut, einfach ein wenig dumm stellen». Der Ranger sprach mich auf holländisch an und ich verstand
soviel wie «wo wollen sie hin, kann ich helfen». Ich dachte «nein eigentlich nicht, ich will ja nur zur Fähre», sagte aber auf deutsch «zur Fähre». Nun stellte ich fest, dass er mich nicht wegen
dem Fahrverbot aufgehalten hattte, sondern es einen simplen Grund dafür gab. Er erklärte mir, dass die Fähre erst um zehn Uhr fahre und ich warten muss oder ca. 15 Kilometer Umweg über zwei
Brücken auf mich nehmen müsse. Ja bravo, ich mit meinem Drang immer früh starten zu wollen, super Sache. Er werde für mich abklären wann die Fähre wirklich fährt und zeigte mir schon mal die
Fähre. Ich dachte es handle sich hier um eine «normale» Fähre, welche Pendler und Touristen über den Holland Deep bringt, mit Rampe vorne und hinten zum rauffahren und so. Falsch gedacht «Anna»,
so hiess die Fähre, war ein kleiner Kutter, hinten mit einer Fläche wo die Fahrräder abgestellt werden können, zwei Längsbänken und einem Führerstand in einem kleinen Häuschen. Ich wartete also
auf den inzwischen netten Ranger und als er mit seinem netten Rotweiler zurückkam sagte er ich hätte Glück, die Fähre fahre um acht Uhr. Er winkte mir kurz zu und die zwei machten sich gemütlich
davon. Es hiess also zwanzig Minuten warten. Ich fror trotz langen Ärmeln und Beinen immer mehr, verlud schon mal mein Velo auf Anna und wartete ab ob acht Uhr auch stimme. Denn in der
Zwischenzeit hatte ich die Tafeln mit den Fährzeiten gesehen und da stand blau auf weiss, erste Fahrt 10:00 Uhr.
Dann sah ich von weitem den Fährmann aus seinem Haus kommen. Haare welche knapp bis zu den Schultern reichten, Mütze tief ins Gesicht gezogen, schlappi Wollpullover und eine Art Einkaufswagen
hinter sich herziehend. Was ist das denn für ein Kautz dachte ich mir und machte mich schon auf eine spezielle Überfahrt gefasst. Doch je näher er kam, desto unsicherer wurde ich. Dann rief er
mir auf englisch zu «ich spreche kein Deutsch, nur ein wenig englisch» und erst da merkte ich, dass es kein Fährmann, sondern eine Fährfrau war, welche offensichtlich vom Ranger vorgewarnt
wurde.
Sie war gesprächig und erklärte mir, dass ich gerade ein Sechser im Lotto gewonnen hätte. Es sei in den letzten vier Jahren noch nie vorgekommen, dass sie um acht Uhr mit der Fähre rausfahre.
Heute sei der erste und letzte Tag, denn es hätte sich eine Gruppe mit acht Personen angemeldet welche sie um 08:30 Uhr drüben abholen müsse. Was für ein einmaliges Glück. Nun musste Anna
vorbereitet werden. Die Spinnfäden welche sich über Nacht angesammelt hatten wurden mit einem Besen entferne, die Fährfrau machte sich vorne an die Arbeit, ich hinten. Dann gab sie mir die
holländische Flagge damit ich sie am Heck einstecke und zuletzt musste ich mein Fahrrad noch besser mit einem Gummizug sichern. In der Zwischenzeit hatte sie zwei Tassen Kaffee aus der Maschine
gelassen und ich konnte mich etwas von innen aufwärmen. Die rund zwanzig minütige Fahrt ging los und ich musste natürlich von «meinem Kapitän» ein Foto schiessen. Da wollte sie auch eins von mir
machen, denn es sei noch nie, noch nie vorgekommen, dass um diese Zeit ein Fahrradfahrer mit ihrer Anna übersetzen wollte.
Schnell war die Fahrt vorbei und wir verabschiedeten uns mit der Gewissheit dass beide eine Geschichte zu erzählen hätten.
Nun wurde es zum Glück etwas wärmer und ich konnte schon bald die lange Bekleidung ablegen.
Weiter über Land Richtung Süden und bei Putte fuhr ich über die Belgische Landesgrenze. Die Hafenkräne von Antwerpen kamen in Sicht und ich musste feststellen, dass Antwerpen eine grosse
Baustelle ist. Entlang des Wassers werden ganze Häuserblocks neu gebaut, überall stehen Bagger und Kräne im Einsatz. Ein kurzer Abstecher in die Altstadt und dann suchte ich das Hotel auf,
welches Brand neu natürlich auch in Mitten von weiteren Baustellen steht.
Ein paar Zahlen:
100.4 km gefahren
kalt, bewölkt
11°C min. Temp
27°C max. Temp
16°C durchsch. Temp
140 m positive Höhendifferenz
129 m negative Höhendifferenz
18.6 km/h durchsch. Fahrgeschwindigkeit
34.6 km/h max. Fahrgeschwindigkeit
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Pesche Zbinden (Mittwoch, 10 Juli 2019 19:00)
Coole Geschichte von der "Fähre"
Viel Spass in Belgien. In Wallonien musst du dann die Sprache "wechseln"...
Von Flaams auf Französisch ;-)
Margaretha (Mittwoch, 10 Juli 2019 19:15)
Wieder mal einen Radeltag geschafft. Bravo! Ich sehe, Belgien hat kein Minaretverbot.....Gute Fortfahrt Morgen, nehme ich an. Liebe Grüsse Mimmu
Katja Rezny (Mittwoch, 10 Juli 2019 20:45)
Du erlebst ja oft nette Dinge auf deinen Fahrten. Manchmal muss man auch Glück haben �
Gute Fahrt durch Belgien.
Chrige u Thomas (Mittwoch, 10 Juli 2019 21:01)
Du bisch haut es Glückschind drum triffsch o geng so intressanti Lüt. Mir wünsche dir witerhin gueti Fahrt. Liebe gruess us em Gürbetau
eMänu (Donnerstag, 18 Juli 2019 23:30)
Sehr geiler Zufall! Aber ja, du bist schon eher ein Frühaufsteher ;)